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Dänemark oder Das Warten auf Mich

Im Grunde war es das, was er schon immer gewollt hatte. Nach seinem Ausscheiden aus der Universität empfand er eine erdrückende Leichtigkeit, so als wäre ein vertrauter, immer da gewesener Druck von ihm gewichen. Freunden gegenüber beschrieb er es wie das Abnehmen eines Schutzhelms im Vakuum: Der Körper drücke nach außen, weil er es nicht gewohnt sei, ohne Druck zu sein. Auf ein Auseinanderziehen des Vakuums im Gegensatz zum Drücken des Körpers konnte und wollte er hingegen nie eingehen. Der Leichtigkeit versuchte er zu entgehen, indem er in das Ferienhaus nach Dänemark fuhr, um sich dort sich selbst zu widmen. Im Grunde war es das, was er schon immer gewollt hatte. Die Begegnung mit sich selbst auf einer Ebene, wie man sie nicht erreicht, wenn man zu viel mit anderen zu tun hat. Zwar kannte er die Erfahrung der körperlichen Erschöpfung und auch die Hochstimmung des Erfolgserlebnisses, doch war das nicht jener Teil des Selbst, dem er hatte begegnen wollen. Zu sehr war man jeweils in der Situation verhaftet, bei Erschöpfung war der Geist zu matt für eine Erkenntnis, beim Hochgefühl zu überschwemmt von Hormonen.

So fuhr er nach Dänemark, kaufte sich genug Lebensmittel für eine gewisse Zeit und einen Laptop, um schreiben zu können. Er schloss sich im Haus ein und horchte. Da draußen prächtige Winde wehten und der Herbst aufrührerisch an seine Fenster klopfte, schloss er die Läden, um nicht die Natur um sich wahrzunehmen, sondern seine eigene. In der ersten Woche schrieb er nichts und starrte in seinen nutzlosen Laptop, dem er absichtlich die Internetverbindung verwehrt hatte. Nach einer Woche schrieb er kleine Reime über sein Innenleben und dass er sich wünschte, nur etwas mehr über sich in Erfahrung bringen zu können und welche Entscheidungen er in seinem Leben aus freien Stücken getroffen hatte. In der dritten Woche waren es Gedichte, die Reim und Form missachteten, über die Natur und ihre zerschmetternde Kraft und unbeugsam majestätische Kälte, doch jedes dieser Gedichte speicherte er in einem Verzeichnis, das er „Nicht-Ich“ betitelt hatte. Auch wenn ihn die Geschehnisse der Welt bereits nicht mehr besonders interessierte, so ließ ihn doch der Gedanke der Freiheit der Natur nicht los. Er träumte von Blättern im Wind und kaltem Wasser, das über dunkle Felsen floss. Nach der Woche der Naturgedichte nahm er die Dateien des Ordners „Nicht-Ich“ und fügte sie zu den ersten Versen hinzu. Er entschied, alles was aus seinen Gedanken stamme, müsse auch ein Teil von ihm sein. Er schrieb einen kurzen Aufsatz über die Erinnerung an die Welt, die sich in seinem Geist in Gedichten über Blätter und Wasser manifestierte, doch am Ende blieb die Frage, ob er nun Blätter und Wasser sein sollte, um er selbst zu sein. Im Grunde war es das, was er schon immer gewollt hatte. Doch Blätter und Wasser kamen ihm zu fremd vor, nicht aus ihm stammend, und er lehnte es ab, sich damit zufrieden zu geben.

Er legte sich mit dem Laptop in sein Bett und gab sich in der folgenden Woche den schlechten Geschichten hin, schrieb kurze Beschreibungen von Flugzeugabstürzen und Mord zwischen zwei Mördern, und wenn er nicht schrieb, so schlief er viel. Eines Morgens wachte er auf vom Klang seiner eigenen Stimme und erschrak, dass er so laut im Schlaf gesprochen hatte. Er kam sich überhaupt sehr ängstlich vor und als er wieder in den Spiegel blickte, sah er eine fremde, müde, uralte Version von sich selbst. Es fühlte sich an, als gehörte ihm sein Körper nicht mehr gänzlich, als würde jeden Tag etwas in ihm aufhören zu atmen.

Nach viereinhalb Wochen zog er aus, müde, trotz des vielen Schlafs, verwirrt, trotz des langen Nachdenkens und schließlich unbekannt und unergründlich für sich selbst. Er stieg in den Zug, der ihn an den Ort bringen sollte, von dem er vor Wochen abgereist war und hoffte: Im Grunde war es das, was er schon immer gewollt hatte.


Benz

17.12.11 01:55
 


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