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Phase der changierenden Eindeutigkeiten


Ich bin farbenblind. Und sitze hier, in dieser Mängelgesellschaft des modernen Menschen
als unermüdliche Fehlerproduktionsmaschine, die keinen Mangel kennt, in einem dunklen
Keller, der sich besonders auszeichnet durch seine Qualität zu jeder Zeit einen Schnupfen
zu produzieren, in einer Runde der evolutionär Toten. Wir sind zu viert, wir sind jung, wir
sind die, denen man unterstellt, dass ihnen die Welt gehört. Ich, der tumb durch die
Problematik der bunten Einfarbigkeit taumelt („die mit den roten Steifen sind die Giftigen;
„das ist aber ein ganz wunderbarer Rosaton den du dir da für deinen Pullover ausgesucht
hast“ ), Helene - Brustkrebsfamilie -, die gefangen ist in der die Mundwinkel als
Schwerkraftopfer darstellenden Frage, ob nun raus mit der Weiblichkeit, oder raus mit sich
aus dem Leben, Thomas, in dem der Diabetes völlig frei angiopathisch Kleinst- und
Feinsthandwerk leistete, bevor der Segen der Pharmafirmen das zehnjährige Thomaslein
in die lebenslange Umarmung der, natürlich immer noch an die Krankenkasse
gebundenen Zivilisationsabhängigkeit - gerührt möchte ich von Symbiose sprechen -
einschloss und ihn darin zurückließ mit Waffen, nur stark genug für ein täglichklägliches
Ringen mit dem Zucker; und Peter, der als Asthmatiker panisch vor Panikattacken und
gleichzeitigem Verlust seines Inhalators in Ruhe verharren muss. Der eigene Körper als
Feindbild. Und diese MängelMängelMängel-Runde nun will Kinder, natürlich, der Appell
wie in jedem in uns:
- „Erhalt den Menschen durch die Zeit, bis auf alle Endlichkeit!" -
Das besprechen wir nun, Zukunft und ZukunftZukunft - diese ätzenden Mitwenigerunsbzw.
Ohneunszeiten - wir die künstlich Lebenden, zivilisationsbedingt in Reproduktion
Zivilisationsbedingenden, Kunstproduktion mal anders, malen uns schön das
Standardleben, obwohl schon wieder ans Fernsehen ausverkauft, noch nicht begreifend,
dass Glück in seiner Knappheit nur in Umverteilung um unseren Erdapfel fließen kann,
denn bis zum Grund leergeschöpft der Boden, Erschöpfung als bitterbilligster Ersatz.
“Emma, Viggo, Manfred“ sagen ich, Helene, Peter; Thomas hingegen steht auf, um in
vollster Zufriedenheit „David“ herauszukunstwerken aus seiner Brust. Der Bibel ist dieser
Namenswunsch wohlgemerkt nicht entsprungen, eher den Gewaltexzessen eines David
Lynch. So bekommt diese jeweilige NaturKunstMangelware ihre erste Ahnung von einem
Namen, im weiteren Verlauf von unserer eigenen „Schönheit“ (so spotten wir) übertragene
Gesichtszüge, mögliche Mütter bzw. Väter - meine Verliebteindeutigkeit versuche ich ein
wenig zu relativieren -, Geschwister, sowie eine frühe Beerdigungspflicht für ihre Eltern, da
sind wir uns in der jetzigen Laune (morgen toben wir lebensbejahend durch die Wiesen,
das tun wir durchaus) besonders sicher. Ich persönlich glaube was mich angeht an den
Fallstrick Ampel, vielleicht immerhin der Tod im Porsche, „so viel erreicht, aber noch so viel
vor“ bestätigt gutmütig der Grabstein. Wir reden noch ein bisschen cool/hip/bescheuert
(perspektivisch Gegenwart/Vergangenheit/Zukunft) und beschließen dann doch
loszugehen und im eiskalten Fluss der nächtlichen Straßen nicht zu ertrinken. Aber wir
müssen warten, denn Thomas zittert, testet Blut blöd redend, isst Traubenzucker, redet
besser, dann im Normalzustand angekommen wieder subjektiv schlechter im
geschwollenen Stil eines selbstverliebten Qualitätsattests, das gleichzeitig auch seine
morgendliche Übung vor dem Spiegel ist; was bringt dem - ach so - modernen Mann
schon der angespannte Bizeps in einer Zeit, die die Frauen dazu bringt, in ihrer
gnadenlosen Emanzipation der Selektion ihre Traumpartner zu kleinen Strichmännchen
mit großen Brillen atrophieren zu lassen. Wir müssen trotzdem noch eine Weile hier im
Keller bleiben, denn gerade fällt Thomas ein, dass er ja vor zwei Tagen einen Film
gesehen hat. Einen ganz Großartigen. Also sitzen wir und lassen ihn diskutieren. Ein
brillanter Stil sei das, so oft gebrochen, aber bis zum Ende durchgehalten, diese Dialoge,
diese Optik; Thomas ist ein differenzierter Daumen-hoch/runter-Mensch, immer mit vielen
Gründen für das eindeutige Urteil. Helene nickt überfordert, wir hängen mit ihr ab, weil sie
gut aussieht und wegen der Hoffnung, Peter scheitert, schon im Einspruchsversuch von
Thomas zerlegt, nach 10 Minuten drischt dieser durchaus beeindruckend passionierte
Vortrag nur noch auf in der Schule gefertigte Tonmasken ein, was lernt die Pubertät auch
sonst an diesem eigentlichen Ort des Fundaments, dahinter Gedankenfetzen, willkürlich:
„Helene hat wirklich schöne Brüste“. Den Aufruf zur Weiterempfehlung bestätigen wir
enthusiastisch, Helene meisterhaft, wir können los - na ja, Peter bindet Thomas noch die
Schuhe zu - immer den Schrecken des Verweilens im Kopf, denn Halbwertszeit der
Momente viel zu kurz, wir entscheiden uns für das Herz der Stadt, für das größte
Selbstvergessen, alles eins.
Ab hier verliere ich den Anschluss. Der Keller ist mit graubraunen, verblichenen Möbeln
lieblos zugemüllt, ich liebe ihn dafür, meine Augen sind hier gleich. Aber jetzt geht es zu
Fuß auf in die Großfarbigkeit, aus der dunkel erlahmten Gegend, in der wir alle wohnen -
die nachbarschaftliche Nähe hat diese Freundschaft produziert, die gemeinsame
Zerbrechlichkeit der Zufall und die Moderne - ich trete gegen jede Dose und jeden
größeren Erdklumpen auf dem Weg, will jetzt nicht reden, Helene und Thomas hüpfen ein
gutes Stückchen vor mir, die Beiden, Peter, zwischen Reden und Schweigen, weiß nicht
zu wem er sich orientieren soll, unentschlossen zuckt sein Kopf hin und her bis ihm
endlich der erlösende Witz einfällt. Er kommt zu mir und nennt mich Rain Man, ich hau ihm
in den Nacken. Er schweigt jetzt erstmal verdient, während ich ihm die Ernsthaftigkeit des
Autismus erkläre, er kennt vom Film nur Schnipsel aus dem Internet über die man lachen
soll. Rekontextualisierende Soundbite-Generation halt.
Nach zehn Minuten des Laufens erwischen wir dann glücklicherweise den gnädig
halbstündig fahrenden Bus in Richtung der aufgeregten Stadt, Diversität fährt nicht mit,
überall die großgeweiteten Vorstadtaugen, gerne auch zu jung, teure Handys und MP3-
Player - die Accessoires der modernen Oberschicht, Technologie statt Kunsthandwerk als
Maxime - plärren Ohren zu, einige dank Lautsprecherfunktion dabei mehr als nur die des
Besitzers. Halbe Stunde Palaver im Bus also, penibel wird der Rosenkranz unserer
Abende hinunter gebetet, einmal Bekanntschaftsbewertung bitte, Differenziertheit kostet
die Teilnahme, Ergebnis kennt sowieso jeder: Sandra die Schlampe, Alex der Streber,
Thomas K. der Penner und Johann der Spasti, der nun wirklich nichts auf die Reihe
bekommt, was man ja auch noch mal sagen dürfen muss.
Es zischt, wir hüpfen hinaus in diese Zeit und Örtlichkeit der Inszenierung, grell flackernde
Leuchtreklamen und Clubnamen schrillen sich bis in die hintersten Windungen der
Gehirne, dazu wummert die Musik, sie schreien den Menschen in ihrer Farbigkeit zu „hab
doch deine gute Zeit hier“. Mich locken immer erst die Blicke der Beutemenschen, die die
Rufe hören, ich lasse mich nicht von diesen Sirenen ablenken, schaut euch doch euren
geköderten freien Willen an, wenn ihr da in der Gruppe auf das vermeintlich Meiste glotzt.
Es fasziniert mich, wie eure bunte Welt so viel Naivität evozieren kann, mal wieder an
vorderster Front die Männer, die reihenweise der Suggestion roter Lippen und Nägel
erliegen, nur um sich dann nach einiger Zeit zu wundern, mit was für einem Charakter sie
da zusammen sind. Und das Vernunftwesen Frau? Lässt sich vom universellen
Köderpotential der Farbe ködern, als ob es nur über die trickreichen Blickfänger ginge.
Bunt geschminkt für JobLiebeLeid. Die moderne Droge Aufmerksamkeit wirkt schrecklich
visuell, was ist Gehirn, was ist Geld, wenn nicht bekannt; in Japan laufen sie rum wie
Weihnachtsbäume, Marilyn Monroe hat sich umgebracht, ausgehöhlt war ja auch nichts
mehr übrig. Wie könnt ihr nur, Menschen, in dieser Welt der elementaren Mängel so sehr
dem Zuckerguss in Sorge frönen? „So gut, so schlecht, wo ist der Hobel, ich muss mich
selbst verlieren“ klagt ihr das Leid im Paradies.
Farbe und Täuschung, ich sonne mich in dieser höhnischen Überlegenheit so gern, bis es
mich einholt. Wie jedes mal. Die Farbe und mein Bedauern in ihrem Lächeln. Ihr Lächeln,
wenn sie Blumen sieht, auf dem Feld hinter meinem Haus. Während in mir weiter Hektik
rast schau ich sie an, sie kann vergessen dann, auch mich. Sie hat mir erzählt wie
wunderbar weiß, gelb, rot und blau alles steht wenn es Frühling ist. Ich verstehe nicht. Nur
Moment ist sie dann, mit der Sanftheit eines echten Lächelns, das über ihren ganzen
Körper sich verbreitet, von den glänzenden Augen - großgerundet, unzugänglich schön -,
über die Entspannung ihrer Schultern, bis hin zur Beugung ihrer Knie, die nicht mehr auf
den besten Hintern achten. Natürlich spüre ich auch die Wärme, rieche den Duft, aber ich
fühle nicht den Gott, den sie hier fühlt. „Hey“.
Aufschauen. Jedes Mal die Ambivalenz. Thomas stößt mich an, ich schließe wieder auf,
glücklicherweise haben sich die drei für unseren Stammclub entschieden, ich kann befreit
vom täglichen Gedankenkomplex nun neben ihnen gehen und muss nicht der Willkür ihres
Zuckens zwanghaft verzögert folgen.
Zugang ist kein Problem, Volljährigkeit drückt uns vor Clubs jetzt die Schultern nach oben,
den Kopf auf Augenhöhe der Einlassautorität. Wir chillen also in einem dieser coolen
Glutöfen, Bier, Bier, Bier, Wasser (Thomas das Arschloch trinkt keinen Alkohol, „das kann
zu ernsthaften Unterzuckerungen führen“ ) und konstruieren aus jugendlicher Naivität und
somit Marx-Lektüre Globalverständnis, den Witz der Welt im Allgemeinen und die
Lächerlichkeit der deutschen Gesellschaft im Speziellen. Ich lache dabei ungehindert und
fühle wie mein weit geöffneter Mund mich selbst verschüttet, ich will mich nicht. Voll Alk
gefüllt die Hohlräume klirrt es noch ein letztes Mal in mir: In zwei Wochen Medizinstudium.
Heute bleibt Sekundenklammern, die Eltern stolz, so stolz.

 

Henkies

24.4.11 13:43
 


bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Jule K. aus H. (19.6.11 11:36)
Wirklich beeindruckend.
Lieben Gruß

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