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Nr. 4

Wie kann das alles sein? Wie passen die Einzelteile zusammen? Ich glaube, im Moment gar nicht. Sie sind wie ein 2000-Teile-Puzzle, einfach auf den Boden geleert. Und man braucht schon Tage, um die Teile überhaupt zu sortieren. Und dann hängen Teppichfussel und Krümel an ihnen, und man muss sie erstmal abstreifen. Und das dauert alles. Aber trotzdem weiß man auch, dass alles nachher ineinander passt und ein Bild ergibt – auch wenn man sich das noch nicht vorstellen kann. Du jedenfalls scheinst davon überzeugt zu sein, während du geduldig auf dem Boden kniest und dich den Puzzleteilen widmest. Ab und zu wirfst du mir einen Blick zu, der um Hilfe bittet. Ich tue so, als hätte ich ihn nicht gesehen und sitze mit verschränkten Beinen auf dem Podest. Sehe dir zu. Wenn du bei mir bist, ist es, als hätte jemand das Licht angeschaltet. Aber das sage ich dir nicht, sogar mir selbst gestehe ich das nur ganz leise ein. Ich habe Angst, von dir bei voller Beleuchtung betrachtet zu werden. Würdest du mich immer noch schön finden? Ich bin nicht nur die strahlenden, klaren Farben, die dich im Moment vielleicht faszinieren. Manchmal vermischen sie sich alle zu einem undefinierbaren schmutzigen Graubraun. Und manchmal bin ich banal, hysterisch, unsicher. Also bleibe ich dir lieber ein Rätsel. Ein Bild, das sicher hinter Glas hängt. Vor Verfall und Berührung gut geschützt.
Du beginnst, die Randteile auf einen Haufen zu legen. Ich sehe dir zu. Und spüre, wie es in meinem Brustkorb rüttelt. Erschrocken blicke ich an mir herunter: ein kleines Mädchen in einem zerlumpten braunen Kleid rüttelt an den Gitterstäben, hinter denen es sich befindet. Es dauert einen kurzen Augeblick, bis ich sie erkenne. Ich werfe ihr einen vorwurfsvollen Blick zu. Sie hält die Gitterstäbe fest umklammert und beginnt zu weinen. Ich fühle mich unwohl, rutsche hin und her. Ihre Tränen zeichnen helle Spuren in ihr verschmutztes Gesicht. Mein Herz rast, ich will sie zum Schweigen bringen. Du freust dich, weil du gerade die ersten zwei passenden Teile gefunden hast. Angestrengt lächle ich zurück. Sie stampft mit dem Fuß auf, und es erschüttert mich bis in die letzte Zelle. Eine Menge Staub wirbelt durch mich. Als er sich wieder absetzt, sehe ich, dass sie mit dem Finger etwas hineingeschrieben hat. In krakeligen Buchstaben steht da: Ich BIN schön.
Und sie steht da mit geballten Fäusten und starrt mich trotzig und entschlossen an. Eine heiße Welle breitet sich von meinem Herz aus und ich atme schwer. Ich will mich hier auf den Boden legen, mich ganz klein machen. Ich will weinen und will nicht, dass du fragst, warum. Ich will dass du mich festhältst und keine Ratschläge gibst. Die erste Reihe hast du schon geschafft, du zeigst sie mir stolz. „Alles ok bei dir?“ fragst du beiläufig. Ich nicke und klettere vom Podest „Ich mach dir mal kurz Licht an, du siehst ja gar nichts“.

 

Hasel

2.3.11 23:02
 


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