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Nr. 1

Schon wieder ein neuer Autor, diesmal eine Autorin. Begrüßen wir alle Frau Hasel mit einem dreifachen Cognac, wie es sich beim Blauen Pfau gehört. Die Trinkerseite Nummer Eins in Deutschland 

Buchner

 

Es ist noch nicht mal richtig hell, als ich aufwache. Trotzdem kann ich im Halbdunkel schon das Kreuz und den Gekreuzigten an der Wand über dem Bett erahnen. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. Aber ihre Stimme in meinem Kopf verstummt dadurch auch nicht. In jedem Traum verfolgen mich ihre Worte. Und auch tagsüber höre ich sie, sie sitzen fest umklammernd auf meinem Herz und schlagen hohe Wellen in meinem Magen. Kalt und klamm schwappen sie von dort durch meinen ganzen Körper, verteilen die Schuld in jede Zelle. Ich schlage die Decke zurück und knipse das Licht an. Meine Dunkelheit bleibt. Sie liegt wie eine feuchte, schwere Decke über jedem Möbelstück dieses Zimmers.
Es ist ihre Dunkelheit, ihre Möbel, ihr Zimmer. Jetzt gehört all das mir. Auch das, was ich nie wieder sehen wollte. Es scheint hartnäckig an mir zu kleben, wurde zum Teil von mir. Aber dieser Teil, der bin nicht ich. Der ist eine Marionette, und die Fäden, an denen sie ziehen, reichen weit in die Vergangenheit zurück. Die Zeit für den Schnitt ist da, wenn ich ihn jemals tun will. Das Schuldgefühl tost, braust auf und wird zu etwas immer Mächtigeren. Zuerst denke ich, dass es Hass ist und erschrecke. Aber dann spüre ich einfach nur pure Kraft. Unbeschreibliche Kraft. Ich nehme die Stehlampe vom Nachttisch und zerschlage sie am Türrahmen. Mit den Scherben ritze ich all die Leinwände der angsteinflößenden Drucke an den Wänden auf, bis sie nur noch bunte Fetzen sind, von denen mein Blut tropft.
Es tropft und läuft in die feinen Rillen zwischen den Dielen. Bei dem Anblick muss ich lachen. Als nächstes fliegt der Nachttisch aus dem Fenster. Ich sehe zu, wie er auf dem Hof zersplittert. Ich bin nur noch Handlung, kein Gedanke mehr. Meine Hände wissen, was sie tun wollen.
Keuchend blicke ich mich in einem Zimmer um, das nur noch aus gesplittertem Holz und zerrissenem Stoff besteht und fühle mich das erste Mal seit Monaten ruhig. Lächelnd presse ich meine blutverschmierte Handfläche gegen die weiß verputzte Wand. Zufrieden betrachte ich den Abdruck. „Jetzt ist es meins, Mama.“ Sage ich leise und zwinkere dem Gekreuzigten an der Wand zu.

 

Hasel

27.2.11 20:14
 


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